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Christus am Kreuz zwischen den beiden Schächern

Passionsgeschichte, Bild 152

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Der Venezianer Antonio Lotti war zu Beginn des 18. Jahrhunderts von August dem Starken als Komponist an den Dresdner Hof geholt worden. Aus seinem dort entstandenen musikalischen Glaubensbekenntnis, dem Credo in F, hören wir das Herzstück, das Crucifixus für vier Stimmen, Streicher und Basso continuo. Der Komponist lässt hier die Streicher pausieren und fächert den Chorklang von vier zu acht Stimmen auf. Der Bass beginnt, und die Musik entfaltet sich zu einer eindrücklichen Kadenz. „Gekreuzigt durch Pontius Pilatus, verschieden und begraben“, so lassen sich die Worte des Textes übersetzen. Sie sind der Kern der Komposition und betonen die Kreuzigung als Zentrum des christlichen Glaubens. Lotti verdeutlicht das Dramatische des Textes durch Dissonanzen, die sich in den letzten Takten auflösen. Sie verwandeln die Trauer in Harmonie.

Kontraste bestimmen auch Albrecht Altdorfers „Christus am Kreuz zwischen den beiden Schächern“. Den Hintergrund bildet eine stark zerklüftete Gebirgslandschaft. Die Sonne schimmert durch den dramatischen Himmel, der sich im Augenblick von Christi Tod verfinstert hat. Christus ist verschieden. Doch sein Lendentuch bläht sich noch im Wind. Die beiden Schächer flankieren ihn, leblos hängend. Nikodemus und ein Knecht haben eine lange Leiter angelegt, um Christus vom Kreuz abzunehmen. Rechts im Vordergrund führt Johannes Maria und eine weitere Trauernde weg, begleitet von Joseph von Arimathäa. Links sitzt Maria Magdalena, den Betrachtenden abgewandt und in der klassischen Pose der Melancholie: Sie hat den Kopf in die Hand gestützt, ein Salbgefäß und ein Stapel Tücher befinden sich vor ihr. Die bekehrte Sünderin ist ganz in tiefer Trauer befangen, ihr Blick geht nicht zum Kreuz, sondern wohl nach innen, dorthin, wo der Schmerz und das Erschrecken Besitz von ihr ergriffen haben.

Obwohl mehrere Figuren im Bild in Gruppen dargestellt sind, scheint sich Maria Magdalenas Inwendigkeit auf sie zu übertragen: Alle wirken verlassen und allein.

In einer weiten Landschaften stehen drei hohe Holzkreuze. Am mittleren ist eine Leiter angelehnt, Jesus hängt am Kreuz. Im Hintergrund Berge und am rechten Bildrand ein See oder das Meer. Am Ufer, am rechten Bildrand ist eine Stadt. Über den Bergen rosafarbene Wolken, die sich nach oben hin verdunkeln. Im Vordergrund sind vier Menschen, die das Geschehen verlassen, in der Mitte eine Frau, die trauernd vor dem Kreuz kniet.

Musik in voller Länge

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Antonio Lotti (1667–1740)
„Crucifixus“
RIAS Kammerchor Berlin, Justin Doyle

Werkangaben

Christus am Kreuz zwischen den beiden Schächern (1520–1530),
Albrecht Altdorfer,
Lindenholz,
20,8 × 28,0 cm

Jörg P. Anders

Detail, Ambivalenz

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Aus einem Interview Gregor Meyer, künstlerischer Assistent des RIAS Kammerchor Berlin

Dieses Bild hat für mich etwas sehr Ambivalentes. Für mich stellt sich so ein bisschen die Frage: Kreuzigung nicht als das Ende oder der Tiefpunkt, sondern eben auch als der Anfang für etwas, was sich dann auf den Weg macht. Und die Parallele zu Antonio Lottis Kruzifixus, oder Kruzifixus als italienisches Latein, gibt es für mich in mehrerlei Hinsicht. Das ist der zentrale Satz seiner Credo-Vertonung, die eigentlich durchweg vierstimmig ist. Und nur diesen einen Satz hat er ausgebaut auf den achtstimmigen Satz. Also es schien ihm besonders wichtig zu sein, den Kreuzestod oder zumindest die Kreuzigung, es ist interessanterweise im Symbolum Lyzeum nicht als Tod bezeichnet, die Kreuzigung Jesu als Kernpunkt unseres christlichen Glaubens darzustellen. [Musik]

Detail, Leiter

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Aus einem Interview mit Stephan Kemperdick, Kurator der Gemäldegalerie

Christus hängt noch am Kreuz mit den beiden Schächern zu seinen Seiten, und er ist schon tot. Denn hinten schicken sich schon zwei an ihn vom Kreuz runterzunehmen. Die legen da die Leiter an. Es ist also ja nicht die Kreuzung, sondern es ist schon fast die Vorbereitung zur Kreuzabnahme und das Ganze vor einem absolut dramatischen Himmel. Nicht nur diese schweren dicken Wolken, sondern auch ein seltsames Leuchten, wie vielleicht das Licht der Sonne, das dann noch so durchkommt. Das entspricht natürlich dem Bericht, dass sich bei Christi Tod der Himmel verfinsterte. Und im Tempel, der ist da hinten zu sehen, in Jerusalem ja der Vorhang zerreißt und so, das können wir hier natürlich nicht sehen. Aber diese ellenlange, diese riesige Leiter, mit der die da zugange sind, das unglaublich hohe Kreuz –hier ist Johannes, da ist Maria – wenn die da drunter stehen, die sind ja also irgendwie sehr weit von Christus entfernt. Der hängt ja in vier Meter Höhe sozusagen und auch das ganz ungewöhnlich, dass er so hoch rausgeschoben ist, wirklich so richtig in den dramatischen, verfinsterten Himmel, diesen geladenen Himmel hinein, ganz weg von der Erde, was dann eben auch diese irrsinnig lange Leiter, die dann auch noch da von hinten, wo so ein Abhang ist, angelegt wird.

Detail, Josef von Arimathia

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Aus einem Interview mit Stephan Kemperdick, Kurator der Gemäldegalerie

Und dann ist da noch dieser weitere Mann, dessen Bedeutung ziemlich unklar ist, auch von seiner Kleidung her eher kein Evangelist. Auf der anderen Seite hat er wieder nackte Füße, und er steht dann da so, als wäre er ihnen entgegengekommen, eigentlich von der Stadt. Das sieht man eigentlich aus der Konstellation. Das sieht ja kaum so aus, als wäre der mit den Freunden Christi dagewesen. Gibt es ja eigentlich so auch gar nicht, der da mit ihnen steht, sondern eher, als wäre er so jetzt dazugekommen mit einer Geste, vielleicht der Klage, vielleicht auch des Anerbietens. Ich habe schon mal überlegt, ob das nicht vielleicht Josef von Arimathäa ist, der sein Grab anbietet. Es ist ja ein reicher Mann, der hat ein Felsgrab, und der sagt dann, man solle Jesus dort begraben.

Christus am Kreuz zwischen den beiden Schächern
Gemäldegalerie
Hauptgeschoss, Raum 3

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