3 / 6

Geburt Christi mit der Anbetung der Hirten

Weihnachtsgeschichte, Bild 208

0:00 0:00

Audio-Transkription

Klar und einfach wie ein Volkslied ist die Melodie von „Im Stall in der Krippe“. Sie wirkt demütig, beschwichtigend und sacht. Die Hirten könnten sie singen, einfache, arme und an harte Arbeit gewöhnte Menschen, die zu Jesu Ehren zusammengekommen sind.

Man trifft die Hirten an auf dem kleinformatigen Gemälde von Martin Schongauer, einem Andachtsbild, das große Ruhe ausstrahlt. Ärmlich und abgerissen sehen die Hirten aus. Sie sind aus der der hellen, fast paradiesisch wirkenden offenen Landschaft herbeigeeilt, und haben sich vor dem engen Stall eingefunden.

Ärmlich und abgenutzt ist das Reisebündel von Maria und Josef. Und abgenutzt ist auch das Tuch, das unter dem in friedlicher Ruhe versunkenen Jesusknaben liegt. Das Kind bildet den Schnittpunkt zweier Achsen, entlang der einen Achse sind Maria und Josef angeordnet, entlang der anderen die Hirten: Alles läuft auf Gottes Sohn zu, scheint die harmonische Anordnung der Figuren im Bild zu sagen.

Eindrücklich ist, wie lebendig Martin Schongauer hier Ochs und Esel im Stall in der Mitte des Bildes gestaltet hat. Insbesondere der Ochse blickt uns direkt an. Der englische Dichter und Kunsthistoriker John Berger schrieb einmal über den Anblick eines Tieres: „Der Mensch wird sich, indem er dessen Blick erwidert, seiner selbst bewusst.“ In dieser direkten Blickbeziehung zwischen Mensch und Tier ist die Faszination dieses Gemäldes mitbegründet.

Auf dem Bild sieht man von links nach rechts Josef, Maria, den Esel, den Ochsen, das Christkind und drei Hirten. Sie sind versammelt unter einem Stall, der keine Außenwände hat, lediglich ein Dach, das auf hölzernen Stützen ruht. Im Hintergrund ist eine fein gemalte Landschaft zu sehen, fruchtbar grün und durchzogen von einem blauen Fluss. Dort weiden Schafe, auf einem Hügel ist eine Siedlung zu sehen. Doch den meisten Raum nimmt die Szene im Vordergrund ein. In der Bildmitte unten liegt auf einem rotgrundigen, von orangenen und schwarzen Streifen durchzogenen Teppich das Jesuskind. Eine Windel schützt es vor dem rauen und abgenutzten Gewebe des Teppichs, es ruht mit geschlossenen Augen ganz in sich. Direkt über dem Jesuskind lagert ein Ochse. Er blickt die Betrachter des Bildes direkt an. Seine Hörner sind prächtig, sein Fell ist üppig, feucht sieht sein Maul aus, und sein direkter Blick ist von großer Sanftheit. Hinter dem Ochsen steht ein Esel, der weniger prominent dargestellt ist. Seinen Blick hält er gesenkt.
Links des Ochsen und des Esels kniet Maria mit gesenktem Blick und gefalteten Händen ruht sie, gehüllt in einen blauen Mantel und mit lockigem und langem Haar vor dem Jesuskind. Links neben ihr steht Josef in rotem Gewand. Er trägt einen langen Bart und hält die Hände ebenfalls gefaltet. Zu Füßen von Maria und Josef sieht man das Reisebündel des Paares: Um einen langen Stock hat man zwei zerschlissene Tücher gewickelt, in denen sich die Habseligkeiten der Reisenden befinden.
Zur rechten Seite des Jesuskindes sieht man drei Hirten. Sie sehen aus wie übereinander getürmt, drängen sich um das Christuskind, ähneln in diesem Bild, was die Anordnung betrifft, beinahe der Anordnung, in der die Heiligen Drei Könige auf vielen Weihnachtsbildern dargestellt sind. Ein alter Hirte kniet vor dem Christuskind, über ihm ist ein etwas jüngerer gemalt, ganz oben der jüngste. Ihre Gewänder sind zerschlissen, man sieht nicht viel von ihnen, doch sie wirken in ihrer dicht gedrängten Anordnung, in der die sich Christus zuwenden, sehr präsent.

Musik in voller Länge

0:00 0:00

Trad. aus der Normandie
„Im Stall in der Krippe“
RIAS Kammerchor Berlin

Werkangaben

Geburt Christi mit der Anbetung der Hirten (um 1475),
Martin Schongauer,
Eichenholz,
38,6 × 27,0 cm

Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Eigentum des Kaiser Friedrich Museumsvereins / Christoph Schmidt

Detail, Teppich Jesuskind

1
0:00 0:00

Audio-Transkription

Aus einem Interview mit Stephan Kemperdick, Kurator der Gemäldegalerie und Gregor Meyer, künstlerischer Assistent des RIAS Kammerchor Berlin

Die Decke, auf der es liegt, die ist von Motten zerfressen. Das ist wirklich keine schöne Decke mehr, überall ausgefranst, darunter so ein Bündel Stroh, auch das Stroh wunderschön gemalt. Man spürt so richtig, dass das so eine schmuddelige Angelegenheit ist. Oder hier diese Reisetaschen der Heiligen Familie, um einen Stock gebunden, die sind schon ganz zerschlissen und fadenscheinig. Und dort, wo das gewunden ist, ist es ganz speckig vom vielen Anfassen.

Und ich finde es sehr schön hier im Vergleich dazu, diese wunderbare, sehr karge Melodie aus der Normandie zu hören: „Im Stall in der Krippe“. Eine Strophe in Moll, also gar nichts von diesem aufbrausenden Weihnachtsgeläute, sondern eher die Härte der Krippe hört man da raus. Auch die Kargheit des Lebens der Hirten. Und mich spricht insbesondere die Zeile in der zweiten Strophe an: „Ich liebe dich, Jesus“. Also eine liebevolle, fast erotische Hingabe im religiösen Sinne. Das ist ja etwas, was zu der Zeit, als auch dieses Bild entstanden ist, erst aufkam, dass sich die Menschen auch als Individuum sehr emotional ihrer religiösen Zuneigung gewidmet haben.

Detail, Hirten

2
0:00 0:00

Audio-Transkription

Aus einem Interview mit Stephan Kemperdick, Kurator der Gemäldegalerie

Das eigentlich Besondere überhaupt an dem Bild, finde ich, sind diese drei Hirten. Die kommen da vom rechten Bildrand so reingestürmt, von denen ist ja kaum was zu sehen, die sind so übereinander getürmt, ist ja sowieso wenig Platz in dem Bild. Also von den Hirten ist außer den Köpfen und Knien und Händen und so gar nicht viel zu sehen. Und trotzdem sind die sehr, sehr präsent. Ein alter, der vorne kniet, dann ein mittlerer mit dunklem Bart und schließlich so ein jüngerer, der sich oben darüber beugt. Und da muss man ja sagen, das sind drei Hirten, die kommen fast in der Gestalt der Heiligen Drei Könige. Dafür ist das ja ganz typisch, der alte Grauhaarige, der mittlere mit dem Bart und der junge, und dass die auch so gestaffelt sind. Das ist also wirklich eindeutig an den drei Heiligen Königen orientiert. Aber sie sind eben überhaupt nicht prachtvoll wie die Könige. Sie kommen nicht in Brokat-Gewändern und mit reichen Geschenken, sondern ganz im Gegenteil. Wir sehen, der Strohhut zum Beispiel, der geht schon aus dem Leim. Der Ärmel vom jüngsten ist ganz zerfleddert. Das heißt, die sind ganz ärmlich, genauso wie die Umgebung, in der Christus geboren wird. Und da liegt sicherlich so eine zentrale Aussage dieses Bildes. In der wunderbaren, leuchtenden, prallen Natur wird der kleine, hilflose Christus ganz als Mensch in ganz schlichten, also ganz ärmlichen Verhältnissen geboren. Und die ersten, die ihn verehren, die ersten, die anbeten, sind auch die ganz einfachen, armen Menschen.

Detail, Jesuskind und Ochse

3
0:00 0:00

Audio-Transkription

Aus einem Interview mit Stephan Kemperdick, Kurator der Gemäldegalerie

Und dann liegen da noch diese beiden Tiere und der Ochse mit seinen prächtigen Hörnern direkt da so beim Kind, offensichtlich ein guter Freund des Kindes. Und der guckt zu uns rüber. Es ist auch interessant. Es ist ja die einzige Gestalt im ganzen Bild, die da rausguckt, und das ist ja immer wichtig. Der Ochse guckt zu uns, und damit kriegt der Ochse irgendeine Aufforderungsbedeutung: Wir sollen da zurückgucken, das ist immer so.

Geburt Christi mit der Anbetung der Hirten
Gemäldegalerie
Hauptgeschoss, Raum 4

Datenschutz-Hinweise